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20 Sep

Hotel Hautzenbichl 40

Exotische, bizarre Geschichten passieren nicht nur auf „dark desert highways“ – so weit muss man gar nicht fahren, es reicht schon in Knittelfeld, einer Stadt die nicht mal Gott gefällt, aufzuwachsen.

40. Kapitel

Man könnte Linde als „Opern Aficionado“ bezeichnen. Sie steht voll drauf und will auch ihren Mitmenschen den Genuss solcherlei Aufführungen nicht vorenthalten. Kunst im Allgemeinen liegt ihr sehr am Herzen. Und wo in diesem Lande kann man besser den schönen Künsten frönen als in Wien? Nirgends. Mit Sicherheit nicht in Hautzenbichl. Zum World Wide Web gab es noch keinen Zugang – außerdem ist „live“ unübertroffen.

Ein Kurzurlaub nach Wien wurde geplant und umgesetzt – unsere Verwandten Haymo, Roswitha und Andrea waren mit von der Partie. Wir befinden uns im Jahre des Herren 1976. Wien verströmte zu dieser Zeit etwa den Charme einer mittelsibirischen Kolchose, die krampfhaft versucht die Phantomschmerzen des zweiten Weltkrieges zu vergessen und am Unterfangen zu einer Großstadt zu mutieren kläglich scheitert. Ich fühlte mich, als wäre ich in einem deprimierenden, mit Schmalz triefenden Paula Wessely Film aufgewacht ohne den reizenden Hans Moser und den flotten Paul Hörbiger.

Wien war grau, trist, öde, die Nebel hingen tief und der böse Wind aus Böhmen pfiff erbarmungslos. Es war Februar. Wir stiegen im Hotel Kugel in der Siebensterngasse ab. Das gibt’s heute noch und war damals ein schräger Kasten mit einer Raumhöhe von gefühlten achtzehn Metern.

Wien vermittelte ausdifferenzierte Tristesse

Bei sechzig Prozent der Gäste handelte es sich wahrscheinlich um sowjetische oder amerikanische Spione, der Rest waren Agenten des MI 5. In den 70er Jahren hielten sich dauerhaft 10.000 Agenten aus verschiedensten Ländern in Wien auf. Angeblich. In Johannes Mario Simmels Buch „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ und dem gleichnamigen Film von Regisseur Alfred Vohrer wird dies und die Tristesse Wiens zu dieser Zeit wunderbar vermittelt.

Der Besitzer des Etablissements, Herr Roller, er muss damals schon in seinen 60ern gewesen sein, war die Art von Mann, die man als „Sir“ bezeichnet. Optisch immer aus dem Ei gepellt, so in Richtung Brit-Style, zelebrierte er das volle Repertoire des klassischen „Old School Charme“ mit „Küss die Hand, gnädige Frau“ und ähnlichen Bonmots. Linde und Roswitha fühlten sich non-stop geschmeichelt. Ich muss gestehen, auch ich war beeindruckt.

Kunsthistorisches-, Naturhistorisches Museum, Albertina, Kammerspiele und was weiß ich noch alles musste abgearbeitet werden. Mir taten die Füße weh. Die U1 befand sich gerade in Bau, was dazu führte, dass am Karlsplatz ein riesiges Loch gähnte. So wurden sämtliche Distanzen per Pedes zurückgelegt.

An einem der Abende war ein Besuch der Wiener Staatsoper – warum heißt die eigentlich nicht Österreichische Staatsoper, oder Wiener Stadtoper? – am Programm. Am Spielplan stand „Capriccio“ von Richard Strauß. Zwölf-Ton-Musik. 1 Bühnenbild. Maximal zwei oder drei Darsteller/Sänger. Drei Stunden ohne Pause. Das ist Hard-Core-Folter, wie sie normalerweise nur vom Mossad praktiziert wird.

Wie gesagt ich war neun Jahre alt, meine Cousine Andrea elf. Wir mussten in unseren langen dunkelblauen Samtröcken, den Lackschuhen, den cremefärbigen Spitzenblüschen und der Duttfrisur mit Samtmasche still auf den dunkelroten Samtsitzen verharren. Samt auf Samt ist unangenehm. Ich glaube an diesem Abend beschloss ich mir zukünftig nur mehr Punk, Rock und Metal reinzuziehen und zwar in der von diesen Musikrichtungen inspirierten Mode. Fuck you dunkelblaues Samtröckchen mit Spitzenbluse!

Fuck you Samtröckchen!

Nur selten in meinem Leben habe ich so gelitten, wie in diesen nie enden wollenden drei Stunden. Selbst „Waterboarding“ und Elektroschocks können nicht wilder sein. Hier handelte es sich mehr um eine Art psychische Folter. CIA und KGB würden gut daran tun, „Capriccio in Samtröcken auf Samtsitzen ohne einen Mucks zu machen“ als Foltermethode in ihr Programm aufzunehmen.

Das 41. Kapitel folgt am 23. September 2020!

Elvira Trevira

Fotos: Pixabay + Privat

Elvira Trevira
Elvira Trevira

Fragen, Wünsche, Anregungen? Schreib mir: elvira.trevira@blog-mag.net

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